Statement No. 9 (28.05.2021)
Hart erkämpft: Endlich können wir wieder in Deutschland in neue Anlagen für fortschrittliche Biokraftstoffe investieren

Kommentar zum aktuellen Beschluss des Bundestages zur Neufassung der Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote)

Der Deutsche Bundestag hat am 21. Mai 2021 den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungsquote beschlossen. Das Gesetz sieht einen kontinuierlichen Anstieg der THG-Quote von derzeit sechs auf 25 Prozent im Jahr 2030 vor. Neben der Elektromobilität wird nun auch das Potenzial der nachhaltigen Biokraftstoffe, wie Biomethan aus Reststoffen und Stroh, zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors anerkannt.

Was lange währt, wird endlich ok! Über zwei Jahre hat die Automobil- und Kraftstoffindustrie ausharren müssen bei der Frage, wie die Bundesregierung die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der Europäischen Union (RED II) in deutsches Recht überträgt. Die Erwartungshaltung war hoch, doch dann kam der massive Fehlschlag: Die Bundesumweltministerin, Svenja Schulze, legte im Herbst vergangenen Jahres einen enttäuschenden Gesetzentwurf vor. Der Gesetzesentwurf sah nicht mehr als einen Anstieg der THG-Quote von sechs auf 7,25 Prozent im Jahr 2030 vor und bis 2025 sollte erstmal gar nichts passieren. Das Entsetzen von Industrie und Branchenverbänden, aber auch innerhalb der Bundesregierung, war groß.

Eine zuvor nie dagewesene Meinungsallianz äußerte lautstark Kritik. Selbst die Mineralölwirtschaft forderte höhere Vorgaben zur Treibausgasreduktion im Verkehr. Zurecht! Denn das EU-Parlament schreibt 60 Prozent CO2-Reduktion gegenüber 1990 bis 2030 vor. Im Verkehrssektor ist in Deutschland bisher aber praktisch nichts geschehen. Die CO2-Emmissionen im Verkehr waren in 2020 auf fast demselben Niveau wie 1990. 30 Jahre wurde nichts erreicht.  Wenn man sich also nicht total lächerlich machen wollte, musste etwas passieren. Ansonsten hätte die Union gleich freiwillig den Staffelstab an die GRÜNEN übergeben können. 

Im Vergleich zum damaligen Referentenentwurf sendete das letzte Woche im Bundestag verabschiedete Gesetz zur Weiterentwicklung der THG-Quote ein überraschend positives Signal.

1. Mehr Klimaschutz: Das neue Gesetz berücksichtigt neben der Elektromobilität nun auch nachhaltige Biokraftstoffe, Wasserstoff biogenen Ursprungs und andere strombasierte Kraftstoffe in mehr oder weniger ausgeglichenem Verhältnis. Das ist entscheidend für den Klimaschutz, denn bisher liefern vor allem Biokraftstoffe den Mammut-Anteil der CO2-Reduktion im Verkehr. Nach Angaben des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) wurden dadurch im letzten Jahr rund 12 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Elektromobilität wird sich vor allem im PKW-Bereich und Güternahverkehr durchsetzen. Das ist unbestritten und hat auch entsprechendes Klimaschutzpotenzial, wenn konsequent Ökostrom zum Einsatz kommt. Aber mit Biokraftstoffen der ersten und vor allem der zweiten Generation, wie mit Biomethan aus Stroh und Reststoffen, können auch schwere LKW im Güterfernverkehr klimaneutral unterwegs sein. Und zwar sofort!  

Der VW-Chef höchstpersönlich wies kürzlich daraufhin, dass die von der VW-Nutzfahrzeugholding Traton jährlich produzierten 250.000 mittleren und schweren LKW genau so viel CO2 ausstoßen, wie die zehn Millionen produzierten PKW im VW-Konzern: „Biokraftstoffe können dazu beitragen, die Emissionen im Güterverkehr zu reduzieren“ [1], so Herbert Diess. Also was liegt näher, als schleunigst die LKW mit Biomethan aus Stroh klimaneutral zu machen?!

2. Neue Investitionen: Die politischen Rahmenbedingungen für Biokraftstoffe waren in den letzten 15 Jahren in Deutschland so schlecht, dass sich VERBIO gezwungen sah, seine Investitionen auf Märkte außerhalb Deutschlands und Europas zu fokussieren. In Indien und den USA wurden wir mit unserer innovativen Stroh-Biomethan-Technologie „Made in Germany“ mit offenen Armen empfangen. Die Chancen stehen gut, dass mit dem Beschluss des Bundestages nun auch der deutsche Biokraftstoffmarkt für Investoren wieder interessant wird. Für die VERBIO-Technologie sind die Potenziale hierzulande noch längst nicht ausgeschöpft. In unseren Anlagen in Schwedt und Pinnow verarbeiten wir aktuell ca. 80.000 Tonnen Stroh pro Jahr. Die Fachleute sind sich einig, dass in Deutschland jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen überschüssiges Stroh zur energetischen Nutzung zur freien Verfügung stehen [2]. Ausreichend Rohstoff, um bis zu zehn Millionen Mittelklasse-PKW bzw. bis zu zwei Drittel der schweren LKW im Fernverkehr mit BioCNG und BioLNG klimaneutral zu betreiben. VERBIO wird seine bestehenden Biokraftstoffanlagen in Deutschland massiv ausbauen und durch neue Anlagen und neue Technologien für noch mehr CO2-Reduktion im Verkehr in Deutschland und Osteuropa erweitern.

Mit ihrer Entscheidung haben die Abgeordneten des Bundestages auch ein wichtiges Signal an Speditionen und Logistikunternehmen gesendet, ihre Fuhrparks auf den umweltfreundlichen CNG/LNG-Antrieb umzustellen. Das Gesamtpaket aus technologischer Verfügbarkeit, Mautbefreiung, Kraftstoffkosteneinsparung und CO2-Reduktion beim Einsatz von Biomethan als Kraftstoff ist unschlagbar. Wir sind zur richtigen Zeit mit der Tankinfrastruktur zur Stelle: VERBIO wird Ende Juni seine erste LNG-Tankstelle direkt an der A9 in Zörbig/Sachsen-Anhalt in Betrieb nehmen, an der ab Herbst 2021 auch BioLNG getankt werden kann.

3. Wertschöpfung und CO2-Reduktion in der Landwirtschaft: Neben der Abwanderung fortschrittlicher deutscher Technologien ins Ausland hätte eine zu niedrige THG-Quote weitere negative Konsequenzen gehabt: weniger Investitionen in Forschung & Entwicklung, Verlust von Arbeitsplätzen in Industrie und Landwirtschaft sowie ein riesiges verschenktes Klimaschutzpotenzial in der Landwirtschaft. Bleiben wir bei unserem konkreten Beispiel: Das Stroh, das wir nicht verarbeiten, verrottet unkontrolliert auf den Feldern. Dabei wird klimaschädliches Methan und CO2 direkt in die Atmosphäre freigesetzt. Biomethan aus Stroh ist damit nicht nur ein klimaneutraler Kraftstoff, sondern gleichzeitig eine Möglichkeit, CO2-Emissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren. Für die Landwirtschaft bietet unsere Technologie nicht nur eine neue, wichtige Einnahmequelle aus dem Rohstoffverkauf, sondern gleichzeitig erhebliche Einsparung klimaschädlicher Emissionen durch weniger mineralische Düngung. Wir bringen den in unserer Produktion anfallenden Gärrest als hochwertigen biologischen Humusdünger zurück auf die Felder und sichern so nachhaltig die Bodenqualität. Kurzum: Dort, wo unsere Stroh-Biomethan-Technologie zum Einsatz kommt, leisten die Landwirte einen erheblichen Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen. Hierfür würde ihnen eine staatliche Vergütung zustehen. Sie ist längst fällig!

Mit 25 Prozent THG-Quote bis 2030 und dem kontinuierlichen Anstieg ab 2022 haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages die Weichen für weniger CO2 im Verkehr gestellt. Es sollte aber allen bewusst sein, dass 25 Prozent Treibhausgasreduktionsquote nicht 25 Prozent weniger CO2 im Verkehr bedeuten. Die diversen Mehrfachanrechnungen, wie beispielsweise von Ladestrom oder synthetischem Kraftstoff, verzerren die wahre Treibhausgaseinsparung. In Wahrheit führt die THG-Quote schätzungsweise zu 15 Prozent Treibhausgasreduktion bis 2030. Für die Erreichung der Klimaneutralität bis 2045, wie kürzlich von der Bundesregierung beschlossen, reicht das auf keinen Fall!

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Spätestens im Jahre 2023 wird die bestehende Gesetzgebung mit der Umsetzung der RED III nochmals erheblich nachgebessert werden müssen.

Ihr Claus Sauter
BioEnergie Experte und Gründer & Vorstandsvorsitzender (CEO) der VERBIO AG

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[1] Quelle: Herbert Diess in der Ankündigung seines Podcasts mit Claus Sauter, VERBIO AG, vor zwei Wochen auf LinkedIn

[2] Quelle: Studie „Biomethane for the transport sector" des DeutschenBiomasseForschungsZentrum (DBFZ) Leipzig aus dem Jahr 2020, https://energsustainsoc.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13705-020-00274-1

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